Dienstag, 24. April 2018 21:18 Uhr

„Auf einen Kaffee mit…“ Pastor und Notfallseelsorger Christian Bode

Holzminden (kp). Als ich mich vor einigen Wochen mit Pastor Christian Bode in seinem Arbeitszimmer getroffen hatte, war er gerade damit fertig geworden, seine Koffer zu packen. Am nächsten Morgen ging sein Flug nach Pyeongchang, dorthin, wo er die deutschen Athleten seelsorgerisch bei den Paralympics begleiten sollte. Bevor ich mich an diesem Tag von ihm verabschiedete, versprach ich dem Pastor, mich später, wenn er wieder in Deutschland sein würde, „Auf einen Kaffee“ mit ihm zu treffen. Ich wollte von ihm natürlich alles über seine Erfahrungen und „Einsätze“ in Pyeongchang erfahren. 

Vergangenen Montag war es dann soweit. Es sollte jedoch alles anders kommen als ich erwartet hatte

Es war der vergangene Montag, als ich noch kurzfristig vor meinem Urlaub einen Termin mit Pastor Christian Bode vereinbaren konnte. „Hallo Kai. Treffen in der Redaktion? Ich komme gern in die Allersheimer Straße“, schickte er mir an diesem Tag per Whats-App. Da war es 7:51 Uhr.

Wir hatten uns wenige Tage zuvor schon auf ein Treffen an diesem Tag, auf 11 Uhr, geeinigt. Einzig der Treffpunkt stand noch nicht fest. Als mir diese Nachricht zugestellt wurde, schlief ich noch. Was wir beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Etwa zwei Stunden zuvor wurde eine Person in Holzminden von einem Zug erfasst und starb noch am Unfallort.

Um 8.10 Uhr meine Antwort: „Ja, gern.“ Unmittelbar danach schaute ich auf mein Redaktionshandy und wurde über das tragische Ereignis in Holzminden informiert. Ich fuhr sofort zum Ort des Geschehens.

10: 28 Uhr in der Redaktion: Christian Bode schickt mir eine Sprachnachricht und entschuldigt sich. „Es wird später“, sagt er. Er befinde sich zurzeit noch in einem notfallseelsorgerischen Einsatz.

Als ich gegen 8:35 Uhr ankam, lief mir ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn über den Weg. Der Einsatz war schon fast wieder vorbei. Der Zugverkehr war gerade wieder freigegeben worden und Feuerwehrkräfte reinigten den Unfallort.

11: 25 Uhr in der Redaktion: Christian Bode und ich tauschen uns aus. Geprägt von den gemeinsamen Erlebnissen dieses Morgens,  greifen wir sofort das Thema Notfallseelsorge auf.

„Es gibt ein Notfallhandy im Kirchenkreis“, beginnt er zu erzählen. „Dieses wandert wochenweise, von Mittwoch zu Mittwoch, von einem Kollegen zum anderen.“ An diesem Montag ist das Handy im Besitz eines Kollegen in Lauenförde. „Wenn die Leitstelle uns auf diesem Handy alarmiert und Bedarf anmeldet, um am Unfallort seelsorgerisch tätig zu werden oder im Laufe des Tages in engster Zusammenarbeit mit der Polizei eine Todesnachricht zu überbringen, beginnt unser Einsatz“, so Bode. Im Idealfall werde ein solcher Einsatz von einem Kollegen vor Ort abgenommen.

An diesem Morgen hat Christian Bode die Aufgabe, zu koordinieren. Alles zu regeln, damit das seelsorgerische Angebot klappt, wenn es benötigt wird. Die Polizei ermittelt momentan noch. Was der Pastor jedoch weiß: Wenn die Polizei so weit ist, wird sie sich bei ihm melden, um im Beisein eines Seelsorgers den Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen. Wenn bei ihm der Anruf eingeht, wird er das Vorhaben an seine Frau, Pastorin Anne-Kathrin Bode, weitergeben. So hatte es der Pastor zuvor koordiniert.

Nachdem ich mich vom Unfallort entfernte, sah ich unmittelbare Anwohner und vorbeigehende Passanten miteinander reden. Sie hatten nichts gesehen, bemerkten aber natürlich die vielen Einsatzkräfte vor Ort. Dann fuhr der Zug, der zuvor einige Stunden still stand, langsam an ihnen vorbei.

11: 45 Uhr in der Redaktion: Wie die Vorgehensweise bei einem notfallseelsorgerischen Einsatz - beispielsweise an einem Unfallort - konkret aussieht möchte ich von ihm wissen. „Da gibt es kein Patentrezept“, antwortet Christian Bode. Erstmal gelte es, das große offene Ohr anzubieten. „Jeder reagiert anders auf den Tod“, weiß Bode, „der eine weint, der andere schreit oder bleibt einfach stumm.“ Ein gutes Ohr und eine gute Wahrnehmung für das, was in der jeweiligen Situation richtig erscheint, seien zumindest Richtlinien seiner Arbeit vor Ort.

„Ich erinnere mich an einen Einsatz in der Rühler Schweiz“, blickt der Notfallseelsorger zurück. Und weiter: „ Es handelte sich um einen Motorradunfall mit einem tödlich Verunglückten. Von der Einsatzleitstelle wurde der dringende Bedarf eines Notfallseelsorgers geäußert. Wenn ich dann vor Ort eintreffe, wende ich mich immer zuerst an den Einsatzleiter. Bei diesem Einsatz wurde sehr schnell klar, dass es drei Einsatzfälle gibt. Die Motorradkameraden des tödlich Verunglückten, die des Schwerverletzten aus der anderen Motorradgruppe und dann natürlich noch das Einsatzteam. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich das nicht allein schaffe.“

Nachdem er seinen Kollegen und leitenden Notfallseelsorger, Stefan Melcher, zur Unterstützung anforderte, musste Christian Bode priorisieren. „Ich wollte zuerst für die beiden Motorradfahrer da sein, die ihren Kameraden verloren hatten“, sagt er.

Seelsorge, für Christian Bode bedeutet dies stets, den Betroffenen erstmal ein Angebot zu machen. „Vielleicht brauchen oder wollen sie ja auch keinen Seelsorger.“ Hier ging der Pastor auf sie zu, stellte sich vor und machte ihnen ein solches Angebot. „Was auch ganz wichtig ist“, so Bode weiter, „dass ich für alle Beteiligten erkennbar bin.“ Wenn Christian Bode also heutzutage vor Einsätzen seine im kirchlichen Lila angefertigte Einsatzjacke überstreift, dann vor allem deswegen, weil ihm die Erfahrung erster Einsätze die Wichtigkeit einer solchen Maßnahme aufzeigten. „Das Gesamtsystem von Rettung funktioniert nur, wenn alle am Einsatz Beteiligten auch für alle erkennbar sind!“

Bei dem Unfall in der Rühler Schweiz lag die Aufgabe konkret darin, und wenn nötig, die zuvor „gesehenen Bilder“ zusammen zu verarbeiten und zu teilen. Für die beiden Motorradkameraden sei es insofern von Vorteil gewesen, da sie die Spitze der Dreiergruppe bildeten, als der Unfall passierte. „Sie hatten also keine tatsächlichen Bilder des Unglücks im Kopf“, erinnert sich Pastor Bode. Anschließend sei über die weitere Vorgehensweise beraten worden. „Fährt man weiter, informiert man die Angehörigen, lässt man sich abholen…“

Gegen 12 Uhr in der Redaktion: Das Handy von Christian Bode klingelt. Es ist die Polizei. Sie habe sich jetzt dazu entschlossen, die Todesnachricht den Angehörigen zu überbringen. Christian Bode beendet unser Treffen. Er muss jetzt seine Frau erreichen. Zuvor soll sich noch mit der Polizei abgestimmt werden, darüber, wer wann was sagt. Die Rollenverteilung beschreibt Christian Bode in solchen Situationen wie folgt: „Die Polizei ist dienstverpflichtet, eine solche Nachricht zu überbringen. Dazu äußert sie sich zu allen Sachfragen, also was genau passiert ist. Alsdann möglich, verabschiedet sich die Polizei wieder. Die Notfallseelsorge ist jedoch die, die bleibt. Wir helfen bei allen weiteren Vorgehensweisen, die nötig sind und bieten der Polizei die Möglichkeit, dass sie schnell weitermachen kann, weil sie weiß, dass die Angehörigen bei uns gut versorgt sind. Insofern ist die Seelsorge ein wichtiger Baustein im System.“

Ich befand mich im Auto, nachdem ich erste Informationen des Zugunglücks an das Back-Office weitergegeben hatte. Ich wollte mich zügig vom Unfallort fortbewegen. Während der Fahrt zurück in die Redaktion freute ich mich auf das Treffen mit Pastor Christian Bode, welches einige Minuten später stattfand. Es war beruhigend zu wissen, dass ich gleich die Gelegenheit bekomme, über alles mit ihm zu reden. Auch über diesen Montag.

Text/ Foto: Kai Pöhl Foto: Anne-Christin Bode

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