Sonntag, 20. Mai 2018 10:20 Uhr

„Auf einen Kaffee mit…“ der türkisch-islamischen Gemeinde Holzminden

Holzminden (my). Zugegeben, der Islam stand schon einmal in einem besseren Licht da als heutzutage. Das schlechte Image verdankt die Weltreligion nicht nur Terroranschlägen, sondern auch der förmlichen Hetze rechtspopulistischer Parteien wie der AfD. Wie steht die türkisch-islamische Gemeinde in Holzminden diesen Themen gegenüber? Hat sie mit Vorurteilen zu kämpfen? Die Antworten hat die freie Autorin Melike Yasaroglu.

Der vor Jahren in den deutschen Medien entstandene Begriff der „Hinterhofmoschee“ beschreibt auch die Moschee in Holzminden leider sehr gut. Denn wer die Hintere Straße Richtung Johannismarkt entlang läuft, vermutet wohl kaum, dass sich hier ein Gebetshaus versteckt. Der dunkle Eingang ist gesäumt von Mülltonnen und Paletten, einladend ist das nicht. Das Innere sieht aber anders aus: Warm und gemütlich ist der Gemeinschaftsraum, mit Regalen voller Bücher, einer Tischtennisplatte und einer Küchenzeile. Ümüt Bayer ist der Vereinsvorsitzende und kocht gerade Kaffee, als ich komme.

Ihn werden viele von uns wohl eher vom Fußball kennen: Jahrelang war er sportlich sehr aktiv, zuletzt als Trainer des SV 06 Holzminden. Er ist froh und dankbar über meine Interviewanfrage. Viele Holzmindener wüssten gar nicht, dass auch unsere Stadt eine Moschee hat, berichtet er. Und auch der Hodscha, Hüseyin Güney, hat viel Redebedarf. Der Hodscha hat in einer Moschee eine ähnliche Funktion wie ein Pfarrer oder ein Pastor in christlichen Gemeinden. Sie werden aus der Türkei für fünf Jahre ins Ausland geschickt. Hüseyin Güney ist seit vier Jahren in Deutschland; erst war er in Bremerhaven, vor zwei Jahren kam er nach Holzminden.

Vorurteile gebe es viele, meinen die beiden. Sind sie aber nicht auch ein wenig nachvollziehbar? Nur 60 Kilometer von Holzminden entfernt schlummerte jahrelang eine Salafisten-Hochburg. Hildesheim geriet damit deutschlandweit in die Schlagzeilen. Der Hodscha distanziert sich ganz klar von jeglicher Radikalität: „Der Islam ruft nicht zum Töten auf. In unserer Religion geht es immer darum, Leben zu erhalten und zu schützen“, erklärt er. Außerdem beschreibt er, wie Syrer, Tunesier und auch deutsche Konvertiten gemeinsam in der Holzmindener Moschee beten.

Vergangenes Jahr – am dritten Oktober – war, wie jedes Jahr, der „Tag der offenen Moschee“. „Reden wir besser nicht darüber“, antwortet Ümüt Bayer resigniert, als ich frage, wie viele Besucher kamen. Doch eine Frau ist dem Hodscha im Gedächtnis geblieben. Während die Deutsche interessiert den arabischen Koranversen lauschte, musste sie weinen. Später sagte sie zum Hodscha: „Ich habe zwar nichts verstanden, aber es hat mich sehr berührt.“ Und er ergänzt, dass er sich mehr solcher Begegnungen wünscht: „Die Türen unserer Moschee sind nicht nur am 3. Oktober, sondern jeden Tag geöffnet!“

Ümüt Bayer gibt zu, wie wenig Zeit ihm für die Öffentlichkeitsarbeit der Moschee bleibt. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern, arbeitet Vollzeit und studiert berufsbegleitend. Nebenbei kümmert er sich noch ehrenamtlich um die Anliegen der Gemeinde. Und das ist eine herbe Aufgabe: „Ich wollte den Posten schon abgeben, aber der Hodscha hat mich überredet zu bleiben“, erzählt er mit einem Lächeln.

Obwohl Hüseyin Güney nun seit rund vier Jahren in Deutschland als Hodscha eingesetzt ist, spricht er noch immer kaum Deutsch. So bleiben die repräsentativen Aufgaben oft an anderen hängen. Dennoch scheint er ein motivierter Geistlicher zu sein, der viele gute Ideen mitgebracht hat. Sie reichen von Nachmittagen für die Kinder und Jugendlichen der Gemeinden bis zu Seminaren und Vorträgen für Erwachsene. Wie sollten wir in der Familie kommunizieren? Wie sieht eine Ehe im Sinne des Islam aus und welche Werte sind in unserer Gesellschaft wichtig? Zu diesen Themen referiert Hüseyin Güney in regelmäßigen Abständen.

Wie viele Kirchen in Deutschland, kämpfen auch die Moscheen mit sinkenden Besucherzahlen, erzählt der Vereinsvorsitzende. Manchmal müsse der Hodscha seine Veranstaltungen sogar absagen, weil niemand kommt. Es gibt aber auch Ausnahmen: Beim traditionellen Freitagsgebet zum Beispiel finden sich um die 120 Menschen in der Moschee ein. Oder auch die jährlich größte Veranstaltung der Gemeinde anlässlich des Geburtstages des Propheten Mohammed, sie lockt jedes Jahr rund 2.000 Besucher in die Stadthalle Holzminden. Zu diesen Gelegenheiten kommen auch wichtige Vertreter wie Bürgermeister Jürgen Daul und Landrätin Angela Schürzeberg.

Der Vereinsvorsitzende Ümüt Bayer betont: „Wir haben einen sehr guten und offenen Draht zu Politikern und den Behörden. Dennoch wünschen wir uns mehr Besucher auch abseits der größeren Veranstaltungen. Diese Worte richtet er allerdings nicht nur an die deutschen Nachbarn, sondern auch von den Gläubigen in den eigenen Reihen.

Fotos: my

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