Sonntag, 19. Januar 2020 16:20 Uhr

Bedingungsloser Kampf für eine Idee. Unterwegs mit einer Jungunternehmerin. Eine Reportage

Holzminden/ Höxter (kp). Seit fünf Jahren produziert und vertreibt Mareille Willmann ihre Zwiebeldips. Seitdem genießen ihre Produkte einen immer größeren Bekanntheitsgrad. Doch noch wartet die Jungunternehmerin auf diesen einen Moment, der den großen Durchbruch für ihre Produktidee bedeuten könnte. Unser Redakteur, Kai Pöhl, hat die 35-Jährige einen Tag lang begleitet und unmittelbare Einblicke in die alltäglichen Aufgaben einer jungen Selbstständigen bekommen. Denn jetzt könnte der Moment gekommen sein- und das bei der Berliner Fashion Week. Unter anderem spricht sie über die Hoffnung, auf der Fashion Week „den Influencer“ oder „den Blogger“ zu treffen, der sich von ihrem Produkt überzeugen lässt.    

Vereinzelt liegen noch Sticker auf dem Tisch herum. Auf dem Tisch in der Küche, der in besonderen Fällen als Arbeitsplatz herhalten muss. Wenn ihre Küche kurzerhand zu ihrem Büro wird, liegt etwas in der Luft. Eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen will. „650 Stück habe ich davon in den letzten Tagen einzeln auf meine Gläser geklebt“, sagt sie. Eine zermürbende Arbeit. Das Bekleben geschah zwischendurch. Immer mal wieder. Denn nebenbei gab es für die Jungunternehmerin noch allerhand mehr zu erledigen. Vor wenigen Tagen bekam sie einen unerwarteten Anruf, der sie seither in Atem hält. Am anderen Ende meldete sich jemand von der PR Agentur der Modedesignerin Rebekka Ruetz. Die mehrfach ausgezeichnete Designerin ist seit 2011 nicht mehr wegzudenken von der Berliner Fashion Week und jetzt interessiert sie sich für die „Würzich“-Produkte von Mareille Willmann. Und plötzlich tut sich eine Chance auf, von der sie sich nicht weniger erhofft, als dass sie ihr großer unternehmerischer Durchbruch bedeutet. Wie so oft.

Social Media und Anzeigen. „Ohne Werbung geht nichts mehr“

Mareille Willmann, 35 Jahre, sitzt an ihrem Küchentisch. Vor ihr aufgeschlagen, tippt sie in die Tasten ihres Notebooks. Neben ihr liegt die neueste Ausgabe des „Feinschmecker“. In dem führenden Hamburger Gourmet-Magazin findet sich in diesem Monat eine kleine Anzeige mit Produkten ihres vor fünf Jahren gegründeten Unternehmens, der Mühlenfeld GmbH. Präsentiert werden die selbstkreierten Zwiebelchutneys der jungen Unternehmerin. „Ohne Werbung geht es heute einfach nicht mehr“, sagt sie, als sie von ihrem Notebook aufschaut und einen Schluck aus ihrer Tasse nimmt. Für mehr als schwarzen Kaffee reicht es an diesem Montagmittag nicht. Alles ist sehr eng getaktet. Soeben muss noch die Mail einer großen deutschen Fluggesellschaft beantwortet werden. Für die nächste Ausgabe des Bordmagazins ist kurzfristig jemand abgesprungen. Der 35-Jährigen wird eine ganzseitige Anzeige in der nächsten Ausgabe angeboten. Ein Zufall. Um die 2,2 Millionen Passagiere sollen jeden Monat einen Blick in das Bordmagazin werfen. „Das kann ich mir gar nicht leisten“, sagt Mareille Willmann. Sie sagt dem Unternehmen ab.

Es ist genau das, was den Hauptteil ihrer unternehmerischen Tätigkeit ausmacht: Marketing. Twenty-Four-Seven. Ihr Credo: Stets auf sich und die Produkte aufmerksam machen, im Gespräch bleiben, neue Konzepte entwickeln und sich den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Alles tun, um den Stein endgültig ins Rollen zu bringen. Ihre Zwiebeldips gibt es seit nunmehr knapp fünf Jahren. Seit zwei Jahren betreibt sie hauptberuflich das, was als Hobby und Nebenjob angefangen hat. Im letzten Jahr hat sie das Design ihrer Gläser verändert. Die Zwiebel musste dem Wortspiel „WÜRZICH“ weichen, welches nun in großen roten Lettern sofort ins Auge fällt. Und als Hashtag hat es mittlerweile auch seinen Weg in die sozialen Netzwerke gefunden. „Das ist heutzutage einfach ungemein wichtig“, weiß die Jungunternehmerin. Auf Instagram hat sie mittlerweile 1300 Follower. Jeden Tag investiert sie zwei bis drei Stunden, um ihre Community mit neuen Infos aus ihrem Leben zu füttern. Mal zeigt sie sich mit ihren Zwiebeldips, mal ist sie wieder ganz privat zu sehen, ohne Arbeitsgegenstand. „Die Mischung ist wichtig“, sagt sie. Mareille ist schon seit einiger Zeit Teil dieser Selbstinszenierungsmaschinerie. In erster Linie als Geschäftsfrau. Aber sehr oft verschwimmen die Grenzen mit dem Privaten. Doch die Frage, was dem Bekanntheitsgrad ihrer Produkte mehr bringt - ob Werbeanzeigen in Fachzeitschriften oder überproportional große Social-Media-Präsenz -, die Unternehmerin weiß sie nicht so recht zu beantworten. Bedient werden muss beides, davon ist sie überzeugt.

Dass ihre Dips immer besser ankommen, sieht sie an den Bestellungen in ihrem Onlineshop. So, dass sie mittlerweile „einigermaßen“ davon „leben“ kann, wie sie sagt. Aber der Preis ist hoch. „Ich habe deutlich mehr als eine 40-Stunden-Woche“, sagt sie. Und dann heißt es: „Immer bereit sein und stets zur Verfügung stehen.“ Jederzeit kann eine wichtige Mail reinkommen, von einem großen Auftraggeber, einem potentiell wichtigen Kunden oder sonstige vielversprechende Anfragen. Alles könnte den unternehmerischen „Durchbruch“ bedeuten, auf den die 35-Jährige schon seit fünf Jahren hinarbeitet.

Dann kam die Einladung zur Fashion Week

Die letzten Kartons müssen noch irgendwie in ihrem Kombi verstaut werden. Insgesamt sind es 650 Gläser, die, verpackt in 65 Kartons, am nächsten Morgen mit auf ihre Reise nach Berlin genommen werden. Dort sollen sie wiederum verpackt werden. Und zwar in sogenannte Goodie-Bags, zusammen mit anderen Produkten. „Das ist so üblich, die werden dann an die Zuschauer verteilt“, freut sich Mareille Willmann. Gemeint sind die Zuschauer der Berliner Fashion Week, zu der die 35-Jährige völlig überraschend eingeladen wurde. „Ich war total begeistert, als der Anruf kam“, sagt sie. Dass eine so renommierte Designerin wie Rebekka Ruetz auf ihr Produkt aufmerksam wurde und es gern im Rahmen ihrer Modenschau als Teil ihres Goodi-Bags an die knapp 650 Zuschauer verteilen möchte, damit hat sie nicht gerechnet. „Das habe ich natürlich sofort als Chance betrachtet“, gesteht sie.

Wenn in der anstehenden Modewoche über 30 Designer bei insgesamt 15 Schauen ihre Kollektionen für den Herbst/ Winter 2020 präsentieren, werden um die 70.000 Besucher erwartet. Darunter befinden sich wie immer auch einige Prominente, Influencer oder einflussreiche Blogger, die in der „Front Row“ sitzen. Einige davon werden zur Schau von Rebekka Ruetz erwartet. Marelle Willmann hofft, dass sie durch das Zutun ihrer „Würzich“-Produkte eine Art Aha-Effekt erzeugt. „Vielleicht erwartet man sowas nicht in seinem Goodie-Bag und wird dadurch darauf aufmerksam“, hofft sie. Im Idealfall wird das Interesse von solchen geweckt, die eine Social-Media-Reichweite besitzen, von der die Mühlenfeld-Inhaberin nur träumen kann. „Das wäre natürlich bombastisch“, gibt sie zu.

Vorgesorgt hat sie für diesen Fall. Die Gläser, die sie mit nach Berlin nehmen wird, verfügen noch über das alte Design. Sie stammen aus ihren Restbeständen. Doch sie sind mittlerweile alle mit einem ganz individuellen Aufkleber versehen. Einem auffällig großen Rautezeichen folgt ein diagonal verlaufender Würzich-Schriftzug. „Der Hashtag ist an dieser Stelle besonders wichtig“, schmunzelt die 35-Jährige. Knapp 700 Stück hatte sie davon in Auftrag gegeben und innerhalb weniger Tage auf die alten Gläser geklebt. „Da hieß es dann, einfach nur den Kopf auszuschalten und machen“, sagt sie. Jetzt hofft sie, dass sich die ganzen Strapazen der letzten Tage gelohnt haben. Ob ihr die Fashion Week tatsächlich etwas gebracht haben wird, wird sie nicht unmittelbar danach wissen, sagt sie. Manchmal haben sich Kunden oder Interessenten erst Monate später bei ihr gemeldet. Vielleicht verhält es sich mit den Zuschauern der Fashion Week ja genauso.

Gut gestylt nach Berlin

Fashion Week, das ist für Mareille komplett neu. Sie selbst beschreibt sich eher als der Jeans-Sneaker-Typ. „Mit High-Fashion hab ich eigentlich nichts am Hut“, gesteht sie. Auch den Namen Rebekka Ruetz hat sie erst einmal heimlich googeln müssen, bevor sie freudig ihre Teilnahme an der Fashion Week zugesichert hat. Doch so wie man sie und ihren Stil in Holzminden und Umgebung gewohnt ist, will sie trotzdem nicht in Berlin auftauchen. Beraten und mit hochwertiger Mode einkleiden lassen wird sie sich von Adriana Schrader-Lensdorf. Die junge Designerin sitzt mit ihrem Label Lensdorf in Boffzen und kennt sich in der Modewelt bestens aus. Ihre eigene Mode ist vor allem durch die Verarbeitung von hochwertigem Leder bekannt. Als sie vor einigen Jahren eine spezielle Lederjacke designte, wurde die britische Vogue auf sie aufmerksam und veröffentlichte einen kleinen Artikel. „Als der Anruf kam, brach ich in Tränen aus“, blickt sie zurück. Auch sie wurde zu einer Schau zur Berliner Fashion Week eingeladen. Dass dieser Rahmen enormes Potential birgt, bestätigt sie. „Die Goodie-Bags können sich auf jeden Fall auszahlen“, sagt sie.

Wenn sie an diesem Abend wieder zu Hause angekommen sein wird, warten nur noch kleinere Aufgaben auf sie. Ein paar Dinge sollen noch ins Auto, der Koffer muss fertig gepackt werden und einige Antworten auf E-Mails in ihrem Postfach stehen noch aus. Bevor es morgen losgeht, kann sie dann noch einmal den Stress und die Anspannung der letzten Tage von sich abstreifen und durchatmen. Am besten gelingt ihr das, wenn sie die Wanderschuhe rausholt und einen großen Spaziergang bei einbrechender Dämmerung macht. Dazu eine Flasche Bier. Ob sich dieses Mal der ganze Aufwand gelohnt haben wird? Wer weiß! Aber irgendwann wird es klappen, da ist sie sich ganz sicher.

Vor circa drei Jahren haben wir Mareille Willmann bereits zu ihrer Idee befragt. Damals stand sie kurz davor, vollständig in die Selbstständigkeit zu gehen. Hier geht’s zum Artikel.

Fotos: Kai Pöhl

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